ZDF-Hitparade & Gerhard Raabe

Mein Leben

Geboren bin ich am 16.08.1950 – Kindheit, Schule, nix Aufregendes, aber dann, dann am 26.01.1974 ging es los, ich war das erste Mal als Zuschauer bei der ZDF-Hitparade. Das war alles so aufregend, so neu, so spannend.

Ich bin ja aus einem kleinen Ort in der Schwalm – Neukirchen heißt es, na ja, jetzt ist es etwas größer und Kurort, aber damals war es noch klein. Also das erste Mal nach Berlin, die große Stadt. Und dann in die Hitparade, die vielen Leute, die ganzen Künstler, alles war interessant. Nach der Hitparade wollte ich gar nicht mehr weg, das, was ich sonst alles nur im Fernsehen gesehen habe, habe ich live erlebt. Die Künstler waren zum Anfassen nah, für mich stand fest, hier muss ich wieder hin. Zwei Jahre lang pendelte ich einmal im Monat nach Berlin, aber jeden Monat, das war teuer. – Zu teuer, also gab es nur eines: ich musste nach Berlin ziehen, dort arbeiten und dann konnte ich immer in die Hitparade.

Na, gut, dass es damals noch Arbeit gab, ich bin also nach Berlin gezogen. Die erste Zeit war hart. Ich war ganz unten, denn von einem Dorf mit knapp 2.000 Einwohnern in die Großstadt mit 2 Mio. Einwohnern zu gehen, war eine große Herausforderung. Ich kannte keinen, Arbeit erst in zwei Wochen, eine Wohnung musste her, 3 Monatsmieten im Voraus, das Geld ging weg wie warme Semmeln. Und Lohn gab es erst Ende des Monats. Aber ich hatte ein Ziel und ich habe es geschafft. Von nun an ging ich jeden Monat in die Hitparade.

Im Juli 1977 traf ich dann ein junges Mädchen, das mir ganz gut gefiel. Im Dezember haben wir uns verlobt und am 2. Mai 1978 habe ich sie dann geheiratet – meine Frau Annette. Von nun an gingen wir zusammen zur Hitparade, bis es dann irgendwann nicht mehr ging – wir wurden Eltern und nun musste sie zuhause bleiben, unser Sohn Jürgen Marcus war noch zu klein. Aber die Hitparadenfans halten zusammen, auch, wenn meine Frau zu Hause war, wir Fans waren eine verschworene Gemeinschaft. Es bildeten sich Freundschaften, die teilweise bis heute anhalten. Als unser Sohn etwas größer wurde, kam meine Frau auch wieder mit, mal mit dem Junior, und mal ohne. Es ging alles, - aber es ging nichts ohne die Hitparade. Sie zieht sich wie ein roter Faden durch mein Leben.

Als erstes musste ich herausfinden, wo es die Karten für diese Sendung gab. Die Leute, die in Westdeutschland wohnten, bekamen die Karten vom ZDF zugeschickt, aber, wer in Berlin wohnte, musste sich die Karten in der Vorverkaufsstelle besorgen. Also, wo ist die Stelle? Alle waren verschwiegen, keiner hat dem anderen irgendwelche Tipps gegeben. Ich habe es trotzdem rausgekriegt. Und nun habe ich jeden Monat meine Leute beauftragt, mir Karten zu besorgen. Diese waren heiß begehrt. Es Gab immer nur 2 Stück pro Person, da musste man organisieren können, wenn man mal Gäste hatte, die mitwollten. Ich hatte immer mehrer übrig, die ich dann auch an den meist bietenden verkaufen konnte. Es gab keinen Tag, wo ich auf diesen Karten sitzen geblieben bin.

Nachdem ich diese Hürde gemeistert hatte, kam die nächste: Jeder, der in das Studio wollte musste sich anstellen. Alle schön in einer Reihe, also früh da sein, um auch in der Reihe ganz vorne zu sein. Meist war ich aber noch in der Generalprobe, die 3 Stunden vor der Live-Sendung war, da konnte ich sehen, welcher Star wo auftrat und wo die Kameras waren. Das war wichtig, denn die Kumpels zu Hause und meine Mutter sollten ja sehen, dass es mir gut geht. Das ging nur, wenn ich auch im Bild war. Als ich aber nach der Generalprobe das Studio verließ, standen in der Reihe schon mindestens 50 Leute für die Live-Sendung an. Ich musste mich also dahinter anstellen, denn vorgelassen wird niemand.

Aber da war noch etwas, was mir auffiel - Schon früh merkte ich, dass es hier scheinbar eine Zwei-Klassen-Gesellschaft gab. Die einen standen brav an, ich auch, und die anderen gingen einfach rein, ohne anzustehen. Nun ist das Anstehen bei Wind und Wetter keine Freude, mindestens 2 – 3 Stunden stand ich immer, ganz vorne in der Schlange und kam trotzdem nicht als erster rein, da waren ja die anderen, die einfach hineingingen schon drin im Studio. Und es waren nicht nur die Angehörigen der Stars und Sternchen, oder der Mitarbeiter vom ZDF, es waren auch ganz normale Menschen wie du und ich. Und die hatten auch die besten Plätze, da wo die Kamera hinkam, da, wo die Stars waren, wo die Moderatoren waren. Irgendetwas musste ich machen, damit ich auch zu dem Kreis der Auserwählten gehörte, die früher das Studio betreten durften. Ich passte genau auf und versuchte mein Glück. Und siehe da, nach 2 Jahren etwa war es soweit, auch ich gehörte nun zu denen, die das Privileg hatten, als einer der ersten das Studio zu betreten und die besten Plätze zu besetzen. Wie überall ist das Prinzip auch hier: jeder Mensch ist schwach und bestechlich. Bei der Einlasskontrolle wurde an die Rückseite der Eintrittskarte ein 10 DM Schein gehalten und schon war man drin – in dem Hitparaden – Studio, dem Ziel meiner Träume. Nun hatte ich jeden Monat die Gewissheit, einen guten Platz zu bekommen, der auch im Fernsehen zu sehen war. Dieses hatte mich im Ganzen ca. 5 Jahre in Anspruch genommen.

Ich war nicht der einzige, der jeden Monat zu ZDF-Hitparade ging, gerade aus Berlin waren es doch einige. Nach einiger Zeit kannte man sich, und es entwickelten sich sogar Freundschaften. Man traf sich jeden Monat bei der Hitparade. Dort tauschte man Bilder aus, die man gemacht hatte, und Autogramme, die man vielleicht doppelt hatte. Auch wurden die Erlebnisse zum Besten gegeben, jeder hatte in der Zwischenzeit etwas anderes erlebt. Das war genau wie der Besuch der Sendung der Höhepunkt des Monats.

In Berlin gab es ja viele Veranstaltungen, wo man hingehen konnte. So traf man manchen Hitparadenstar öfters im Monat und es ergaben sich auch dort Bekanntschaften. In manchen Monaten hatte ich bis zu 8 Veranstaltungen.

 

Die Stars merkten sehr schnell, welche Art Fan ich war, nie aufdringlich, immer zurückhaltend, doch ich war da, wenn ich gebraucht wurde, um z. B. Autogrammkarten zu verteilen, wenn die Stars es eilig hatten. Beispiel: Roy Black, der nach einer Live-Sendung schnell nach Österreich zu Dreharbeiten musste. Ich war eben keiner, der die Stars nach ihrem Auftritt im Studio bis ins Hotel verfolgt hat, oder vor dem Hotel gesungen hat, bis sie entnervt waren. Ich war immer nur im Studio der Hitparade, und auf dem Gelände, habe dort meine Autogramme gesammelt, meine Fotos gemacht und ansonsten die Stars in Ruhe gelassen.

Es gab eine Möglichkeit, mit den Stars in Kontakt zu treten, das war die ZDF-Kantine. Dort trafen sich die Stars und auch die Fans vor der Sendung. Man hat gegessen und etwas getrunken, und eben auch mal geredet. Es war eben wie eine große Familie. Später dann sprachen mich die Stars an, denn auch ihnen war nicht entgangen, dass ich jeden Monat im Studio dabei war. So auch 1985. Da sprach mich Jürgen Drews an. Und wieder stellte ich fest, man kann sich mit den Stars unterhalten wie mit anderen Menschen auch. Sie sind sogar manchmal froh, wenn man sie nicht anhimmelt. Und da waren sie alle gleich, die großen Stars, und auch Anfang der 80er Jahre, die, die dann erst groß wurden.

Die Neue Deutsche Welle brachte Songs hervor, die wir vorher nicht kannten und einige wurden auch Erfolge. Ob es Peter Schilling oder Nena waren, Trio oder Hubert Kah, es waren andere Leute, die nun die Stars wurden, aber die Atmosphäre war die gleiche. Herzlich, aber doch reserviert, man wusste eben noch nicht, woran man war. Das gab sich mit der Zeit, wir waren wie eine Familie.

Dann übernahm Victor Worms die Sendung und es wurde einiges neu. Nun kamen auch internationale Künstler in die Hitparade, sofern irgendetwas deutsch an diesem Lied war. Es gab einen spezial Gast, der ein Internationaler Star war, so z. B. Paul Anka, Boy George, Tom Jones, Al Bano & Romina Power u. a. Ich musste alles, was ich bisher erreicht hatte, nun verteidigen, denn wenn es um die besten Sitzplätze im Studio ging, war jeder des anderen Feind. Auch das hatte ich aber überstanden.

Nach 5 Jahren kam wieder ein neuer Moderator, Uwe Hübner. Er machte wieder alles neu. Jünger und frischer sollte es sein. Es wurde auf der Bühne getanzt und das Publikum wurde wesentlich weniger eingeblendet. Das Studio wurde mehrmals umgebaut, so dass die Zuschauer meistens im Dunkeln gehalten wurden. Dadurch wurde es wieder schwieriger, einen guten Platz zu bekommen. Auch das habe ich gemeistert.

Im Jahr 1995 nahm ich dann meine eigene CD auf. [Mein Hitparadensong] Das war eine völlig neue Erfahrung, mal vor einem Mikrofon zu stehen, und selber einen Titel einzusingen. Obwohl ich den Text selber geschrieben hatte, war noch viel zu tun. Ich hätte nie gedacht, wie kompliziert das alles ist. Die ganze Technik und das Drumherum, das habe ich vorher nie gedacht. Es sieht doch alles leichter aus, als es ist.

Als die CD endlich fertig war, hatte ich meine eigenen Auftritte. Zuerst in Talkshows im Fernsehen und dann auch beim Rundfunk. Ich gab Interviews und konnte auch selber meinen Titel singen. Oft hatte ich klatschnasse Hände. Für mich war das alles Neuland. Tagsüber im Beruf und am Wochenende unterwegs zu Auftritten. Zwischendurch immer zur Hitparade. Das war mir sehr wichtig.

1996 siedelte meine Familie in unser Haus, was ich zwischendurch auch noch gebaut hatte. Ich blieb in Berlin, weil ich hier meinen Beruf hatte und weil hier die Hitparade war. Nur alle 2 Wochen war ich an den Wochenenden bei meiner Familie. Das war zwar nicht so schön, aber die große Katastrophe sollte noch kommen. Weil sich Zuschauer aus Deutschland angeblich beschwert hatten, dass immer die gleichen Gesichter bei der Hitparade zu sehen sind, bin ich einige Zeit nicht hingegangen. Das war die schwerste Zeit meines Lebens. Ich, der Hitparaden-Superfan musste mir alles zu Hause am Bildschirm anschauen. Ohne den Halt meiner Familie hätte ich das nicht geschafft. Ich war nach jeder Hitparade völlig mit den Nerven fertig. Ich hatte den Druck dann nicht mehr ausgehalten und ging an die Öffentlichkeit. (Siehe Zeitungsberichte)

Zeitungsberichte:

Das ZDF sagt ich bin zu hässlich für die erste Reihe [Bericht ansehen]
Wer hässlich ist muss in die letzte Reihe [Bericht ansehen]
 

Das ZDF gab klein bei [Bericht ansehen]

Danach stürzte sich die Presse auf mich. Ich wurde überall eingeladen, Rundfunk, Fernsehen, auch die Zeitungen berichteten viel. Das hatte den Erfolg, dass ich wieder auf meinen alten Platz konnte. Diesen Platz behielt ich bis zum endgültigen Ende der Hitparade. Bei der letzten Sendung standen vielen Leuten, auch mir die Tränen in den Augen. Nun war es also soweit, das Ende der Hitparade. Ein paar Monate ging es noch einigermaßen, aber dann wurde ich krank. Es nahm mich sehr mit, so dass ich plötzlich auch körperliche Beschwerden hatte, wo ich sonst nie dran gedacht habe. Von den seelischen Beschwerden ganz zu schweigen. Trotzdem kann ich heute sagen: Mir ist es gelungen, 26 Jahre bei der ZDF-Hitparade dabei zu sein, ich habe das große Glück gehabt, alle drei Moderatoren der Hitparade kennen zulernen.

Als erstes den „Vater der Hitparade“ Dieter Thomas Heck, ein sehr lieber warmherziger Mensch. Als er mit der Hitparade aufhörte, kam Victor Worms. Er brachte nun auch englisch gesungene Lieder in die Sendung. Das Publikum änderte sich, aber ich blieb standhaft. Nach 5 Jahren hörte auch er auf und es kam Uwe Hübner,




der die Sendung bis zum bitteren Ende am 16.12. 2000 begleitete. Wieder änderte sich das Publikum und auch die Art der Hitparade. Der harte Kern der Fans wurde wieder kleiner, aber ich stand wie ein Fels in der Brandung. Gab es auch manchmal Schwierigkeiten, ich habe durchgehalten. Heute ist dieser Teil meines Lebens sehr wichtig für mich und ich bin glücklich, dass ich das alles gemacht habe.



Letzte Hitparadensendung ...am 16.12.2000 gingen für immer die Lichter aus!

 
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